Hier-und-Jetzt-Technologie, die Bedeutung von RegTech zur Bewältigung der Gesetzesflut und für den Wettbewerb sowie Fragen, wie der Staat damit umgehen soll

Zeitalter der Hier-und-Jetzt-Technologie

Die Geschwindigkeit, mit der Daten verarbeitet werden können, hat einen entscheidenden Punkt erreicht: alle Daten können faktisch immer, überall und jederzeit zur Verfügung stehen. Das bedeutet Faktor „Null“ in der Verarbeitungszeit. Das immense Potential, das sich daraus ergibt, kann heute kaum jemand erfassen. Unsere gesamte Wirtschaft, sämtliche Prozesse und Arbeitsabläufe, ja unser gesamtes Denken ist bisher darauf ausgerichtet, dass die Beschaffung, Analyse oder Verarbeitung von Daten in jedem Fall Zeit erfordert. Zeit bedeutet mehrere Prozessschritte und erfordert ein strukturiertes Vorgehen. Nun stimmt dieses Axiom nicht mehr. Um dies zu verstehen, müssen wir neu zu denken lernen. Zum Glück kommt der Wandel nicht über Nacht; wir wären wohl alle überfordert.

Was hindert uns bei diesem Wandel? Die Herausforderungen liegen nicht hauptsächlich bei der Technik. Vielmehr bremsen die Vernetzungen von Prozessen die Nutzungsmöglichkeiten stark ab. Wenn wir A der neuen Welt anpassen wollen, müssen wir gleichzeitig B ändern, C aufgeben und D neu dazu fügen. Die Vielfältigkeit dieser Veränderungen weckt entsprechend Ängste und Widerstände.

RegTech

Auch beim Einsatz von technischen Hilfsmitteln zur Bewältigung von Gesetzen sind aufgrund des Faktors „Null“ Quantensprünge möglich. RegTech kann so nicht nur zur Bewältigung der Gesetzesflut, sondern gar zu mehr Markt und Wettbewerb verhelfen.

RegTech zur Bewältigung der Gesetzesflut

Wie die Grafik zeigt, steigen die gesetzlichen Anforderungen unaufhaltsam an und damit die Komplexität und die Kosten. Die Compliance – ein reiner Kostenblock – schränkt die Geschäftstätigkeit dadurch immer stärker ein. Daran kann niemand ein Interesse haben. RegTech kann zwar die Gesetzesflut nicht einschränken, aber helfen die schädlichen Auswirkungen zu schmälern.

Mehr Markt dank RegTech

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die Aufhebung von Vorschriften (ausgenommen natürlich Wettbewerbs- und Kartellgesetze) zu mehr Markt und damit zu mehr Arbeitsplätzen führt. Denselben Effekt muss es konsequenterweise geben, wenn Vorschriften zwar weiter bestehen, diese die Marktteilnehmer aber kaum mehr einschränken. Genau dies ist das grosse Ziel von RegTech: Vorschriften werden überall und jederzeit automatisch eingehalten. Es entstehen nur marginale Kosten und keine zeitlichen Einschränkungen.

Schlussfolgerungen

Der Staat ist gefordert

Alle Zeichen weisen auf eine weitere unaufhaltsame Zunahme der Gesetzesvorschriften hin. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass die negativen Auswirkungen daraus für die Bürger und die Unternehmen so gering wie möglich ausfallen. Soll RegTech die Last durch die Gesetze für alle Betroffene reduzieren können, muss der Staat die notwendigen Bedingungen für RegTech schaffen. Entsprechend sind nachfolgende Fragen zu diskutieren:

  1. Wie soll die Gesetzgebung den Einsatz von RegTech ermöglichen?
  2. Wie und wo sind Behörden, aber auch Firmen (wie z.B. bei der PSD2 in der EU) zu zwingen, digitale Schnittstellen zu öffnen?
  3. Wie ist der kulturelle Wandel bei der Verwaltung zu erreichen?
  4. Welche neuen Wege sollten begangen werden? RegTech-Lizenzen für die Umsetzung von Gesetzen etc.?

Altes hinterfragen lernen

Es geht nicht darum, alles und jedes zu ändern. Aber wenn wir vom Pferd auf das Auto umsteigen, sind die schönsten und besten Reitsättel unnütz. Auch Reiten kann nach wie vor sinnvoll bleiben, es hat aber eine komplett andere Bedeutung erhalten. In diesem Sinn müssen wir bei allem Fragen, ob es mit der Hier-und-Jetzt-Welt noch kompatibel ist, geändert werden sollte oder einer neuen Sinnfindung bedarf.

Wirtschaft und Gesellschaft müssen das Bewusstsein entwickeln, was sich ändert und welche Chancen aber auch Nachteile und Gefahren entstehen. Die Änderungen werden kommen, schlicht weil sie möglich sind. Noch können wir sie aktiv und hoffentlich positiv gestalten.

Übrigens: Wenn Sie wissen wollen, wie schnell der Wandel vonstattengehen wird, empfehle ich Ihnen folgendes: Fragen Sie einen Jugendlichen, was er vom manuellen Ausfüllen von Formularen hält.

René Oppliger, CEO Finform

René Oppliger ist Rechtsanwalt und seit
20 Jahren im Bereich Compliance tätig.
Heute leitet er das FinTech und RegTech
Unternehmen Finform.